Nach dem #Aufschrei

Badische Zeitung, 17. 4. 2014

 

Die Internet-Aktivistin Anne Wizorek erzählt über die Folgen der Hashtag-Kampagne.

 

 

  1. Kämpferisch: Die Internetaktivistin Anne Wizorek. Foto: thomas kunz

 

Ist sie die bestbezahlte Medienberaterin aller Zeiten geworden? Anne Wizorek (32) lacht über die Frage aus dem Publikum. Ende Januar 2013 hat sich die freiberufliche Beraterin für neue Medien und Internet-Aktivistin aus Berlin schlagartig einen Namen gemacht – viel bekannter als ihr Name ist aber der ihrer Hashtag-Kampagne über Twitter: Mit #Aufschrei begann eine Debatte über Alltagssexismus, die jeden bisherigen Rahmen sprengte. Davon erzählte Anne Wizorek am Dienstagabend auf Einladung der „Unabhängigen Frauen“ im Werkraum des Theaters.

 

Es sitzen nur wenige Männer im rund 100-köpfigen Publikum. Einer von ihnen beklagt sich in der Diskussion am Ende, die Kritik der Feministinnen höre einfach nie auf. „Das ist wie eine Klagemauer.“ Und dabei sei er doch ein Alt-68er und habe „immer mitgemacht“ bei dem, „was Frauen wollten“: Er habe den Kinderwagen geschoben, Windeln gewechselt und Herrenwitze schlimm gefunden.

Ein anderer Mann kontert: Das Problem sei doch gerade, dass die meisten Männer höchstens „mitgemacht“ und nicht selbst reflektiert hätten. Männer, die Frauen „helfen“, statt traditionelle Rollenverteilungen in Frage zu stellen? Das sei nicht „heldenhaft“, sagen Zuhörerinnen: „Es geht doch um die Strukturen.“ Darum geht’s auch Anne Wizorek, das betont sie immer wieder im Gespräch, das Ina Schmied und Gabriela Schlesiger-Imbery von den „Unabhängigen Frauen“ moderieren. Deshalb freut sie sich über die Erfolge ihrer Kampagne.

 
Es fing an mit 57 000 Reaktionen in drei Wochen – ein Sturm der Empörung, der zeigte: „Da lag was in der Luft, ein Grundbedürfnis, breiter über Sexismus zu reden.“ Und das ging weit hinaus über den Ärger über die Verfehlungen des FDP-Politikers Rainer Brüderle. Die Organisation übers Internet lief spontan, schnell, unhierarchisch, erreichte weit mehr als die üblichen Feministinnenkreise und führte weg von den alten Klischees: „Leider gilt Feminismus oft immer noch als doof“, sagt Anne Wizorek – „als Symbol für: wir hassen alle Männer.“ Durch den „Aufschrei“ wurde sie für manche selbst zum Feindbild, zu einer willkommenen Gelegenheit, Hass loszuwerden. Übers Internet erreicht sie der „hate speech“, Kommentare wie „du beleidigst mich in meiner Männlichkeit, ich finde, du solltest aufhören zu leben“.

Viel wichtiger aber sind die positiven Veränderungen, auf die Anne Wizorek stolz ist: Bei der Antidiskriminierungsstelle des Bundes meldeten sich nach der „Aufschrei“-Kampagne ein Drittel mehr Frauen als in den Vorjahren. Und laut den Ergebnissen einer Studie ein Jahr danach haben 24 Prozent der Befragten ihr Verhalten gegenüber dem anderen Geschlecht überdacht – 36 Prozent bei den 18- bis 24-Jährigen.

Beispiele für fest verankerten Alltagssexismus kann Anne Wizorek massenhaft präsentieren: Von der sich räkelnden Frau im weißen Bikini in der „Windows“-Werbung bis zum rosafarbenen „Prinzessinen“- und hellblauen „Sieger“-Bad für Kinder. Und war der „Aufschrei“ nun auch ein erfolgreicher Durchbruch für seine Initiatorin? Nein, sagt Anne Wizorek: „Ich ertrinke nicht in Aufträgen“. Immerhin bekomme sie aber mehr Anfragen aus dem Gleichstellungsbereich – genau die Themen, die sie interessieren.